Kronos, Titan der Zeit

Jeden Tag benutzen wir sie, die Uhren. Sie sind genauso allgegenwärtig und wichtig, wie Bücher, Schuhe für Sie und Ihn, Industrie und andere Grundvorraussetzungen des zivilisierten Lebens. Doch über das, was die Uhr für uns veranschulicht, machen wir uns kaum Gedanken. Dabei hat die Zeit eine so grundlegende Bedeutung, dass ohne sie nicht nur das Leben, sondern auch jede andere Existenz völlig undenkbar wäre. Die Griechen waren diesbezüglich anders. Da auch sie schon Sonnenuhren täglich gebrauchten, und Philosophie und Wissenschaft hoch angesehen waren, ranken sich bei ihnen viele Geschichten und Theorien um das Phänomen Zeit. Diese Grundversessenheit kam vermutlich daher, dass die gesamte Mythologie der alten Griechen zu einem großen Teil auf den Titan der Zeit, Kronos, fußte. Diese Mythen wollen wir heute näher darstellen:

Vor der Zeit gab es bei den Griechen nur Himmel und Erde. Zuerst Gaya, die Erdenmutter, und Uranos, das personifizierte Himmelszelt. Aus ihrer Vereinigung ging schließlich Kronos, die Zeit selbst hervor. Aber Uranos und Gaya zeugten noch weitere Nachkommen, neben weiteren Titanen auch noch die Kyklopen und Hekatoncheiren. Doch Uranos hasste seine Kinder, und so verbannte er viele von ihnen in den Tartaros, die griechische Unterwelt. Gaya reagierte mütterlich, in dem sie all ihre Kinder versteckte. Schließlich erwählte sie Kronos, da er der jüngste ihrer Söhne war, seinen Vater zu stürzen und zu entmannen. Geplant getan, Kronos war der neue Herrscher des Universums und leutete das goldene Zeitalter an, in dem die Menschen frei von Angst, und ohne zivilisatorische Bedürfnisse, wie Tamaris Damenschuhe, Kultur und Politik weiter existieren konnten. Aber Kronos fürchtete, dass seine eigenen Kinder, die Götter, ihn eines Tages ebenso stürzen könnten, wie er damals seinen Vater. Deswegen verschlang er jedes einzelne. Aber Rhea, die Frau/Schwester Kronos', und Titanin des Augenlichts, rettete auf Anraten Gaya's ihren Sohn Zeus, indem sie ihn an einem geheimen Ort namens Psychro versteckte, und ihrem Gatten seinerstatt einen in Denim-Jeans gewindelten Stein in die Hände gab. Kronos bemerkte die List nicht, und so konnte Zeus ungestört aufwachsen. Schließlich drängt ihn Rhea dazu, Kronos zu stürzen, was auch er ohne weiteres durchführt. Kronos wird entmannt, und spuckt all seine Kinder, inzwischen erwachsene Götter wieder aus, und wird in die Elysischen Gefilde verbannt, ein Ort am Rande des Universums, wo er weiter ungestört herrschen kann.

Diese metaphorische Bearbeitung des Themas Zeit kann in viele Richtungen ausgedeutet werden. Ich möchte hier nur eine ganz Kurze vorstellen: Entscheidend ist das Motiv der Herrschaft. Es geht immer darum, wer gerade die Herrenschuhe an hat. Und während am Anfang noch der Himmel (griech. Symbol für das Seelenleben) Herr des Universums ist, wird er später von der Zeit abgelößt, initiiert durch Gaya, das Weltliche, Erdgebundene. Man könnte also schlussfolgern, dass die Griechen der Anschauung waren, dass das eigene Seelenleben nicht von seiner Umwelt, den realen Lebensproblemen, gedultet wird, man kann sozusagen nicht man Selbst sein, in einer Welt, die sich ständig wandelt und verändert. Deswegen kührt man die Zeit zu seinem Herren, um besser in auf der Erde zurecht zu kommen. Später wird dieser notgedrungene Kompromiss wieder aufgebrochen, indem Zeus seinen Vater Kronos stürzt, was wiederrum durch Rhea initiiert wurde, die passenderweise das Augenlicht (griech. Symbol für Erkenntnis/Einsicht) repräsentiert. Denn wer einsieht/erkennt, dass die Zeit nicht allmächtig sein kann, der wird an seine Stelle ein eigenes Ideal setzen, nämlich Zeus, den Göttervater, der bei den Griechen für eine außerordentlich starke Individualität, Vernunft und auch Lebensfreude geschätzt wurde.

Und so sehen wir, was die Griechen wohl darüber denken würden, wenn sie unsere von Uhren, und High Heels bestimmte Welt sehen könnten. Sie würden denken, dass wir nur am Rande des Universums leben, dort wo Kronos noch immer an der Macht ist.